Nachruf von unserer lieben Freundin und Trauzeugin Ute Hagen

 

Lieber Eugen,

die Zeit Deiner Krankheit und nun auch die Tage nach Deinem Tod sind angefüllt mit Erinnerungen an Dich, an die 12 Jahre, die wir damit verbracht haben das Institut aufzubauen und die funktionale Stimmpädagogik "in die Welt zu tragen".

Angefangen hat alles mit einer Anzeige in dem örtlichen Kreisblatt: "Sekretärin gesucht". Damals unter dem Namen Eura-Institut. Ich hatte einen Vorstellungstermin in Bönstadt und es war nach wenigen Minuten klar, dass wir beide auf der gleichen Wellenlänge ticken. Am 1. Oktober 1990 habe ich angefangen.

Mein l-förmiger Schreibtisch war leer bis auf einen Stapel Papiere. Mehr gab es nicht vom Institut. Ich habe mir einen Überblick verschafft, den Stapel geordnet, eingeheftet und Briefe beantwortet. Du hast alles unterschrieben, was auf Deinen Tisch kam. 

Einen Macintosh-Computer hast Du aus Boston mitgebracht und auch gleich noch Rob dazu, den Apple-Experten, der das Seminarverwaltungsprogramm nach meinen Vorgaben in einer Woche eingerichtet hat.

Roland Seiler, Anthony Jenner, Michael Heptner, Du und ich verbrachten unzählige Stunden zusammen in der Leitungsgruppe. Das Institut nahm stetig mehr Form an und zu der bereits laufenden Ausbildungsgruppe 1 kamen fortlaufend welche dazu.

Wir haben das Jahrestreffen ins Leben gerufen, überlegt, welche Seminare wir anbieten sollten, welche Themen interessant sind für die Studierenden und Suchenden in der Gesangspädagogik.

Die meisten Seminare der Ausbildungsgruppen habe ich mit Dir zusammen besucht.

Alle Versuche, die Vorbereitungen für die Seminare einmal nicht in der letzten Minute zu schaffen, sind gescheitert. Alle Versuche, Struktur auf Deinen Schreibtisch zu bringen sind gescheitert. Gescheitert daran, dass Dein Kopf immer voll war mit neuen Ideen, die unbedingt verfolgt werden mussten. Wieder eine neue Erkenntnis die viel wichtiger war, als Arbeitsblätter für die Ausbildungsgruppe rechtzeitig fertig zu stellen und zu kopieren. Dafür war Zeit in der Nacht vor dem Seminar oder in den letzten Minuten vor der Abfahrt. Du konntest ja jede Stunde aus Deinem Kopf halten, es war ja alles da für Dich. Warum also Zeit vergeuden.

 Lange Manuskripte landeten auf meinem Schreibtisch, alle in Deiner so wunderbaren "denglischen" Sprache. Die Worte deutsch, der Satzbau amerikanisch, unendlich lange Schachtelsätze. "Kannst Du das für mich bitte in eine Rede bringen". Nicht immer ein leichtes Unterfangen, aber es hat funktioniert. Deine Vorlesungen wurden verstanden und auch Deine vielen Reden zu allen möglichen Anlässen.

Jeden Deiner Gesangsschüler habe ich gekannt, ich habe die Pläne gemacht. Ich konnte hören, wie die Stunde lief, in welcher Verfassung die Schülerin, der Schüler an dem Tag war, locker, angespannt, aggressiv, gehetzt, suchend.... alles in der Stimme.

Für mich war es spannend, wie viel Menschen über ihre Stimme von sich preisgeben. Dass sie es zulassen, andere so tief in ihr Inneres sehen zu lassen. Uwe Götz fragte mich zu Anfang einmal: Wie ist das für Dich Realistin mit uns Emotionalen? Eine sehr gute Frage.

Manchmal war es anstrengend, aber ich habe es geliebt mit Euch zu arbeiten, mit Euch zu feiern und auch mit Euch zu singen. Zwei tolle Sänger neben einem und schon klingt man selbst viel besser.

Viele langjährige Weggefährten von Eugen sind auch meine Freunde geworden. Für etliche war ich die Anlaufstelle, wenn einmal etwas nicht so geklappt hat mit einem Vorsingen oder wenn die Stunde nicht so gelaufen ist, wie man es sich vorstellte. Es ist mir viel Vertrauen entgegen gebracht worden von Euch. Danke dafür.

Wir sind einige Male mit dem Institut umgezogen. Zuletzt nach Walheim. Als Du Renate kennen und lieben lerntest wusste ich, es ist an de Zeit, mich zurück zu ziehen und den Weg frei zu machen für Eure gemeinsame Arbeit im Institut. Ich wusste, alles wird in guten Händen sein. Du hast Dein großes Glück gefunden. Das ist wunderbar und ich weiß wie dankbar Du dafür gewesen bist. Ich war Deine Trauzeugin und es war mir eine Ehre.

Unsere tiefe Verbindung blieb immer bestehen. Dein Humor, unser gemeinsames Lachen fehlen mir jetzt schon so sehr. Wir konnten uns wochenlang nicht sprechen, es war immer, als hätten wir uns gestern erst getrennt, wenn wir telefonierten oder uns sahen. Du hast mir von Fortschritten der Studierenden berichtet, von neuen Ideen zur Funktionalität und Du hast immer zugehört. Du hast meine Ups und Downs gespürt, mich unterrichtet, wenn Du meintest es sei nötig. "Ich sehe, es geht Dir nicht gut. Komm, ich gebe Dir eine Stunde." Du hast mich vertrauensvoll geleitet durch meine Emotionen und ich weiß, dass alle von Eugens Studierenden es nachempfinden können, was das heißt.

Du hast immer in allen nur das Beste gesehen. Nie gab es ein Wort der Kritik, Du hast gesagt, "heute hat er/sie es noch nicht ganz geschafft, aber der Tag wird kommen. Es sind kleine Schritte und manchmal passiert etwas Großes".

Als Du überarbeitet und psychisch sehr angegriffen warst habe ich Dir drei Wochen Urlaub verordnet. Ich sehe Dich noch heute neben mir im Reisebüro sitzen und fragen "muss ich wirklich?" und ich sagte "das einzige was Du wählen kannst ist das Ziel. Dein Flug geht in jedem Fall spätestens morgen". Du bist geflogen. 3 Wochen nur mit Dir alleine zu sein, mit Deinen Gedanken, das war hart für Dich. Aber es war richtig in diesem Moment.

Auch Du hast für mich gesorgt. Als ich krank war, haben wir bei mir zu Hause gearbeitet. Für Dich kein Problem.

"Wie soll ich das überstehen?" hast Du immer gesagt, wenn ich in Urlaub gegangen bin. Du hast Dich vollkommen auf mich verlassen.

Die Liebe zu schönen Autos haben wir geteilt. "Hast Du schon die neue Modell von Peugeot gesehen? Das ist eine schöne Wagen." Alle Deine Autos durfte ich Probe fahren.

So viel Zeit, die wir zusammen verbracht haben, gute Zeit, anstrengende Zeit, Zeit in der viel passiert ist. Über unsere Zeit könnte ich einen Roman schreiben. Sie ist zu Ende gegangen. Du bist gegangen.

Ich bin froh, dass wir uns am 3. Oktober noch einmal sehen und miteinander lachen konnten. Dass wir uns nahe waren, wie immer. Tief und unverbrüchlich.

Ich habe an dem Tag zu Dir gesagt: Du hast mir blind vertraut, nicht wahr? und Du hast geantwortet: IMMER!

Danke für alles, was wir geteilt haben, danke für Deinen Humor, Deine tiefe Freundschaft, Deine Zugewandtheit, danke auch für Dein Chaos. Sonst wäre ja nichts zu tun übrig geblieben für mich.

 

Deine Ute