Nachruf unseres lieben Freundes Peter Heber

 

Lieber Eugen!

Du hast zwar immer gesagt, dass du nicht daran glaubst, dass nach dem Tod noch etwas kommt, aber diesen Glauben habe ich dir nie so recht geglaubt, und deshalb spreche ich dich jetzt auch direkt an. Ich glaube, das ist ok so.

Als ich 1993 im Herbst in Weimar an der Hochschule ankam, war ich voller Glücksgefühle, Tatendrang und Naivität und gab mich ganz in den Schoß der Lehrenden hinein. Ich hatte keine Ahnung von Gesangstechnik – nur dass `funktional´und `Rabine´eine Art Schimpfworte waren und eigentlich tabu, dass wurde mir schnell klar. Ein Jahr Hochschule im herkömmlichen Dressurbetrieb reichten aus, um mir fast meine ganzen Träume zu rauben, mit denen ich einmal in Weimar gestartet war. Es ging bei mir stimmlich und seelisch von ganz oben nach ganz unten. Ich wollte nach der Feststellungsprüfung wieder als Tischler arbeiten...

Da hörte ich, dass du Seminare in der Hausknechtstraße gibst zum Thema Körper und Stimme. Ich wusste zwar, dass bei dir nur Sport gemacht wird und man vom Entengang nicht singen lernt, mich zog es trotzdem hin. Ich hatte nichts zu verlieren, saß mit verschränkten Armen da und setzte die skeptischste Miene auf, die ich zu bieten hatte.

Dann kam eine Übung für alle Teilnehmer, die sicher allseits bekannte Kniehebung während der Einatmung mit anschließender Phonation und die Aufforderung: „Vergleichen Sie!“ Eugen, dort hattest du mich. Das erste Mal nicht nachmachen und gesagt bekommen, sondern fragen und finden dürfen. Nicht mit der Erfüllung von Erwartungen anderer beschäftigt sein, sondern mit mir selbst! Das war zwar auch hart genug, aber immerhin wieder etwas. Ich hatte den Traum vom Singen wieder ein Stück am Zipfel gepackt und ging natürlich sofort zu meiner Professorin, um ihr mitzuteilen, dass ich jetzt dein Seminar besuchen werde – und dass gar nicht sooo viel Sport gemacht würde... Ihre Reaktion: „Wenn de meinst, musste hingehen, aber komme mir nachher nich geheult! Bei der Fischer wärste dafür rausgeflogen..“

Wir kamen uns allmählich näher, zumal meine Fähigkeiten als gelernter Tischler bei deinem Umzug in die Falkstaße endlich mal wieder zum Einsatz kommen konnten. Und beim Einbau der Küche hast du mal mich bewundert, und nicht umgekehrt, wie sonst immer.

Wir saßen oft auf dem kleinen Balkon mit einer dicken Cohiba und haben philosophiert. Ich hatte 1000 Fragen, wenn es langt und vom Singen kamen wir dabei immer wieder in die Weiten des Lebens hinein und ich begann immer mehr die Methode der Dressur zu hinterfragen. Du hattest, außer, wenn es um Autos ging, selten fertige Antworten, sondern mir zu den Fragen, die ich dir stellte noch eine ganze Menge neuer dazugepackt. Von dir habe ich gelernt, dass die gefährlichste aller Fragen „Warum?“ heißt. Plötzlich gab es kein ´Richtig´oder ´Falsch´mehr sondern Möglichkeiten, für die man sich entscheiden konnte oder dagegen. Und immer war in deinen Fragen – außer, wenn es um die Hochschule ging - eine große Wärme und Geduld zu spüren. Eugen, du fingst an, mein gesamtes Weltbild auf den Kopf zu stellen und ich wollte doch nur ein bisschen Hilfe beim Singen...

Dann kam der Tag, als ich alleine zum Seminar nach den Osterferien 1996 angereist war, weil unten im Hauptgebäude ein Aushang den Ausfall dieser Veranstaltung anzeigte. Wir haben das zum Glück beide nicht gelesen. Also, was nun machen mit der Zeit? Im Kaffee im Belvedere totschlagen oder..? Ich hatte Mut und fragte dich nach einer Stunde, was du entsetzt ablehntest, weil du – zurecht - Ärger mit der Abteilung befürchtetest. Vielleicht hat dich mein am Boden hängender Unterkiefer gerührt, jedenfalls kam dann der Vorschlag zur Güte: „Aber wir können machen eine Wahrnehmungsstunde.“ Nachdem du mich zwei Stunden lang durch alle Register gejagt hast und ich das nicht mal merkte und du mich dann mit dem Kopf auf dem Flügel fragtest: „Was um alles in der Welt hast du die letzten 3 Jahre an dieser Hochschule gemacht?!“, brach für mich eine Welt zusammen. Alles, was ich im Stillen geahnt hatte, aber mit großer Panik zusammenhalten wollte, zerstob. Aber du hast in diesen Trümmern Potential gesehen. Eugen, da hast du mir mein Leben gerettet, denn von da ab war ich dein Schüler. Aber bei dir Schüler zu sein heißt auch, sich selber aushalten zu lernen. Das ist fast ein größerer Stress, als die ganze Singerei. Für beide! Aber es ist auch Spass, z.B., wenn plötzlich etwas gelingt – und man das auch merkt! Geleitete Wahrnehmung...!

Du hast mir Räume geöffnet – und ich meine nicht nur den Vokaltrakt – von denen ich bisher nicht die leiseste Ahnung hatte. Und Eugen – in diesen Räumen war ich sicher! Weil du mich gehalten und dazu ermuntert hast, es auch mal mit Pauken und Trompeten in die Hose gehen zu lassen. Meinen entsetzt verwunderten Gesichtsausdruck nach solchen Experimenten kommentiertest du dann mit: „Aber es war doch toll oder?“ „Aber es klang Scheiße!“ „Aber es war de C!“... Im Unterricht bei dir hatte ich manchmal für mich selbst das Gefühl, wir gehen über einen Schrottplatz, und suchen das halbwegs noch Brauchbare zusammen. Anders du, du warst IMMER auf Schatzsuche...

Bei dir habe ich mich getraut, ICH zu sein, loszulassen, um wieder neu fassen zu können. Du hast mich neuen Mut finden lassen, wenn ich verzweifelt war, weil meine alten Gewohnheiten wieder mal durch die Hintertür hereinkamen, und meine Ansprüche an mich die Peitsche in der Hand hatten.

Lieber Eugen! Zu beschreiben oder zu erklären suchen, welche Spuren du in meinem Leben hinterlassen hast, würde den Rahmen heute mehr als sprengen. Ich will versuchen, es kurz machen. Du hast mich komplett einmal von innen nach außen gewendet, mich ins Chaos gestürzt, um mir dann neue Strukturen zu zeigen und hast mir mit viel Liebe und Geduld den Weg zu mir selber gewiesen. Du hast mir leider auch klar gemacht, das diese Reise zu sich selbst nie aufhören wird... Du hast mir die Sinne neu geschärft und ausgerichtet UND mit dem Herzen verbunden. Ich darf meinen Traumberuf ausüben! Bei jeder Vorstellung stehst du mit auf dem Brett!

Durch dich habe ich Freunde kennengelernt, die noch heute an meiner Seite stehen, und von denen viele heute auch hier sind, um dir die Ehre zu geben. Demut und Respekt sind keine leeren Hülsen, sondern von dir gelebt worden!

Durch dich durfte ich Renate kennenlernen und eine Liebe zweier Menschen zueinander, die wahrlich durch den Tod und darüber hinaus Bestand hat und vor der ich mich tief verneige.

Es ist nun Zeit, auf unseren eigenen Füssen zu stehen und weiterzuführen, was du mit deinen Aktivisten der ersten Stunde begonnen hast. Du standest mit deinen Ideen oft fast alleine da in einem Umfeld mit einer großen Angst vor dem kleinen Wort „warum“. Aber ich habe Hoffnung, dass in Zukunft die Stimmschäden durch Sitztechnik zurückgehen werden, denn es stehen Menschen mit klugen Köpfen und Herzen bereit, die in deine Fußstapfen treten werden – und Mann, die sind echt groß! Aber du hast das Feld gut bestellt und die Saat wird wachsen. Es geht weiter. Mit dir. In uns!

Hab Dank für dein Sein! Hab Dank für Deine treue Freundschaft und Liebe!

 

Anm.: In der Rede am 7.11.18 habe ich stellvertretend für alle Aktivisten der ersten Stunde Roland Seiler, Roger Winell (als Versuchskaninchen) und Renata Parussel genannt.